#StarkeFrauenInDerDigitalisierung: „Herzblut und Engagement“

#StarkeFrauenInDerDigitalisierung: „Herzblut und Engagement“
30 Mrz 2020

Teil 1: Birgit Unger, Mediaprint Zeitungs- und Zeitschriftenverlag


Birgit Unger ist verantwortlich für die IT des Mediaprint Zeitungs- und Zeitschriftenverlags, in dem die auflagenstärkste österreichische Tageszeitung, die Kronenzeitung, erscheint. Für XiTrust hat sich Christoph Schomberg mit ihr über Frauen im Berufsfeld IT unterhalten.


Frau Unger, wenn ich Sie jetzt fragen würde, „Was macht frau täglich im Berufsumfeld IT?“: Können Sie mit genderbewussten Formulierungen wie dieser etwas anfangen?

Ich bin da überhaupt nicht sensibel. Ich brauche auch das Binnen-I nicht unbedingt, weder mündlich noch schriftlich.


Worin bestehen die Schwerpunkte ihrer Arbeit im Verlag?

Die Abteilung, der ich vorstehe, ist zentraler Provider im Verlag, alle IT-Services betreffend. Das geht von reinen Infrastrukturservices über Applikationsservices bis Prozessmanagement über klassischen Servicedesk. Letztlich alles, was die IT-Palette betrifft. Unser Ziel ist es dabei immer, für alle im Konzern verbundenen Unternehmen Synergien zu erzielen.


Wie sieht Ihr persönlicher Werdegang im Mediaprint Verlag aus?

Ich habe vor 14 Jahren hier in einer ganz anderen Rolle begonnen, nämlich mit einem kaufmännischen Schwerpunkt. Vor mittlerweile 5 Jahren bin ich Bereichsleiterin geworden und habe da feststellen müssen, dass ein großer Teil meiner Aufgabe das Netzwerken ist, das soziale Zusammenführen eines produktiven Teams mit allen fachlichen Themen, die von mir in Richtung Geschäftsführung getrieben werden. Das bedeutet in der täglichen Praxis, die Informationen so aufzubereiten, dass auch ein Nicht-Techniker oder ein maximal technikaffiner Mensch auf dieser Basis Entscheidungen treffen kann.



„Frauen treten weniger ‚laut’ auf als ihre männlichen Kollegen.“

Sie werden entsprechend aus eigener täglicher Erfahrung bestätigen können, dass in der IT deutlich mehr Männer als Frauen arbeiten. Der Frauenanteil im Informatik-Studium liegt in Österreich wie in Deutschland unter 20 Prozent. Haben Sie eine Erklärung für diese Auffälligkeit?

Ich glaube, das ist dem persönlichen Interesse geschuldet. Ich gehe davon aus, dass jede Frau das studiert, wofür sie sich interessiert. Hier spielt vieles zusammen: archaische Muster, DNA, persönliche Prägung und Werdegang. Ich würde schon sagen, dass Frauen und Männer sich in ihren Interessen unterscheiden und finde das völlig okay. Man kann weder Frauen noch Männer zwingen, für etwas Interesse zu zeigen, wofür sie sich nun mal nicht interessieren.


Nun gibt es ja nicht wenige, auch staatlich geförderte, Initiativen, die darauf abzielen, das Ungleichgewicht gerade in IT-Berufsfeldern zu korrigieren. Hier wären die Stichwörter Diversity oder auch Quote. Ist das am Ende nicht auch eine Frage der Förderung?

Diversity mit Frauenquoten in Verbindung zu bringen, finde ich per se traurig. Wie ich auch immer wieder traurig finde, wenn Frauen vor dem Hintergrund einer Quotierung nur aufgrund ihres Geschlechts für bestimmte Jobs zu Gesprächen eingeladen werden. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass ich mit meiner Arbeit vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass sich das Thema verbessert.


Sie haben es in einem großen Verlag in die Position einer Topmanagerin gebracht. Das ist eher die Ausnahme. Müssen Frauen für eine Karriere andere Fähigkeiten mitbringen als Männer?

Meine Wahrnehmung und die von Kolleginnen in vergleichbaren Positionen ist, dass Frauen immer ein Quäntchen mehr leisten müssen, qualifizierter erschienen müssen und ein Mehr an Engagement zeigen sollten, um in einer männlich dominierten Branche wahrgenommen zu werden. Und dann sehe ich natürlich auch, dass viele Frauen, sich gar nicht entsprechend positionieren und weniger „laut“ auftreten als ihre männlichen Kollegen.


Wie lautet die Gegenstrategie?

Frauen müssen lernen, dass sie auch stolz auf das sein können, was sie jetzt schon können und das Marketing vieler Männer nicht zu ernst zu nehmen, sondern sich selbst lieber was zutrauen. Ich selbst habe in den vergangenen Jahren in vielen Gesprächen mit männlichen Kollegen aus dem IT-Bereich und IT-Leitern einfach die Erfahrung gemacht, dass das nicht so falsch ist, was ich denke und was ich tue und habe deshalb auch ein gewisses Selbstbewusstsein entwickelt.


Ist Karriere für Frauen planbar, zum Beispiel schon während des Studiums?

Ich habe während meines Betriebswirtschaftsstudiums nicht primär darüber nachgedacht, wie ich den Abschluss in eine Karriere ummünzen kann. Ich war immer der Meinung, dass man die Aufgabe, die man hat, gern machen muss, engagiert sein sollte, sich weiterbilden muss. Da unterscheidet sich die IT nicht von anderen Berufsfeldern. Wer nicht von Haus aus mit der Informatik aufgewachsen ist, muss sich intensiv in die Materie einarbeiten, um dann auch in Fachgesprächen mit Kunden standzuhalten.


Brauchen Frauen vielleicht auch mehr Ellenbogenbewusstsein?

Zumindest in meinem Werdegang hat das keine Rolle gespielt. Ich sehe aber bei manchen Frauen aus einem emanzipatorischen Verständnis heraus die Neigung, Dinge erzwingen zu wollen und sich so Gehör zu verschaffen. Da bin ich ganz anderer Meinung: Je weniger das Thema Geschlecht in den Mittelpunkt gestellt wird, desto größer die Chancen auf Erfolg.


Der „Digital Female Leader Award“, ist 2019 mit dem Selbstverständnis angetreten „Ohne Diversität keine Digitalisierung“. Würden Sie das unterschreiben?

Zunächst mal ist Diversität für mich mehr als Gleichberechtigung. Aber ja, wir leben in einer diversen Welt und das betrifft jeden Lebensbereich. Wir können davon nur profitieren – auch in allen Fragen der Digitalisierung. Diversität ist eine wichtige Voraussetzung für nachhaltigen Unternehmenserfolg. Das ist auch etwas, das ich versuche mit meinen Mitarbeitern zu leben.


Dagegen hört im Wortsinne die Freundschaft bei Geld auf. Dafür steht die Thematik Gender Pay Gap. Da liegen wir in der IT-Branche in Deutschland und Österreich bei bis zu 25 Prozent. Deswegen gibt es seit 2017 in Deutschland das Lohntransparenzgesetz. Das berechtigt ab einer bestimmten Unternehmensgröße zur Einsicht in Gehälter der männlichen Kollegen. Wäre das ein Lösungsansatz?

Ich bezweifle, dass die Gleichberechtigung in Geldfragen gefördert wird, indem Gehälter preisgegeben werden. In unserem Verlag bin ich mit der Thematik insofern nicht konfrontiert, als wir in Gehaltsfragen keinen Unterschied machen, ob Mann oder Frau. Das sieht die Geschäftsführung genauso. Natürlich gibt es diese Unterschiede in vielen Unternehmen noch. In Leitungspositionen spielt das aber eine deutlich geringere Rolle.


Von Menschen in Führungspositionen ist oft zu hören, dass die Familie aufgrund der Arbeitsbelastung zu kurz kommt. Wie integrieren Sie das Familienleben in ihre Aufgaben im Verlag?

Grundsätzlich bin ich natürlich siebenmal 24 Stunden für den Verlag da und bin erreichbar. Dennoch schaue ich sehr auf meine Work-Life-Balance und habe das Glück in einem Verlag zu arbeiten, wo dieses als hohes Gut jedes einzelnen Mitarbeiters gilt. Wir sind hier der Meinung, dass Mitarbeiter nur dann die beste Leistung bringen, wenn sie auch ein glückliches Umfeld haben.


Gibt es ein IT-Projekt, dass gegenwärtig im Verlag ganz oben auf der Agenda steht?

Wir haben eine Reihe an Projekten, die gleichberechtigt nebeneinander bearbeitet werden. Immer wichtiger wird in der Medienlandschaft aber das Thema künstliche Intelligenz. Da sind wir an einem Start-up beteiligt und schauen gemeinsam, wie wir künftig bei Themen wie Absatzprognosen und Empfehlungssystemen bei Endkunden und Abonnenten erfolgreich am Markt bestehen.


Glauben Sie noch an Print?

Ich muss jetzt antworten: Ja. Aber klar ist auch, dass immer mehr digitalisiert werden wird. Dennoch: Gerade in einem Land wie Österreich werde ich nicht mehr erleben, dass es keine Tageszeitung auf Papier gedruckt geben wird.


Haben Sie abschließend vielleicht noch Tipps, wie Frauen, die sich für das Feld IT interessieren, erfolgreich sein können?

Zu allererst: Mit dem Herzen dabei sein! Schauen, dass sie einen Mentor oder eine Mentorin finden. Wichtig ist, dass sie wahrnehmbar werden, für sich einstehen, sich treu bleiben und Selbstbewusstsein entwickeln. Dass sie in einer männerdominierten Branche ihre Frau stehen können, ohne die Ellenbogen einsetzen zu müssen. Mit einem gesunden Selbstbewusstsein, motiviert, engagiert, dem Neuen aufgeschlossen sein: Das sind für mich die Faktoren, die am Ende zum Erfolg führen.


Birgit Unger, vielen Dank für das Gespräch!


Hören Sie sich das Interview auch in unserem XiCast an: